Samstag, 7. April 2018

Bücherwelten: Orhan Pamuk „Diese Fremdheit in mir“


Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk erhielt in 2006 den Nobelpreis für Literatur. Seine Bücher spielen oft in Istanbul, wo er seine Kindheit verbrachte.

Der 576 Seiten lange Roman „Diese Fremdheit in mir“ (orig.: Kafamda Bir Tuhaflik, 2014) ist auch so ein Roman, der beginnend in den 1960er Jahren so nebenbei Jahrzehnte Istanbuler Stadtentwicklungsgeschichte aufrollt. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Sippen, deren Väter damals als Boza- und Joghurt-Verkäufer in die Stadt kamen. Diese Verkäufer waren zu Fuß unterwegs, zogen rufend durch die Straßen, transportierten ihre Waren mittels einer Stange, die über die Schulter gelegt wurde (siehe Cover).

Mevlut, Hauptprotagonist der Geschichte, zieht seinem Vater 1969 hinterher nach Istanbul, tritt in seine Fußstapfen und verkauft auch in 2014 aus Leidenschaft abends noch nebenberuflich das bierähnliche Boza-Getränk in traditioneller Art und Weise. 

Der Roman ist auch eine zum Teil düstere Liebesgeschichte, und insgesamt hatte ich sowieso das Gefühl, dass in ihm so ungefähr alles abgehandelt wird, was man sich über Istanbul und – auch die deutschen – Türken so als Westler gemeinhin denkt. Konflikte zwischen Tradition und Moderne, tradierte Rolle von Mann und Frau in der Gesellschaft, starke, aber nicht immer konfliktfreie Familienbindungen, Heiratsverkupplungen, Konsum-Orientierung etc. etc. 

Am Ende des Romans meint man zu wissen, wie die Türken „ticken“. Ein häufiges Stilmittel im Roman ist zu schildern, was die einzelnen Personen denken. „Denken“ und „sagen“ ist da oft zweierlei. 

Wie bereits oben angedeutet, schildert der Roman auch die drastische Veränderung ganzer Istanbuler Stadtteile, die sich von informell errichteten ärmlichen Vierteln (Gecekondular) mit schlammigen Wegen und ohne Kanalisation bis hin zu nobleren, aber gesichtslosen Hochhaussiedlungen entwickelten. 

Ein spezielles Thema, das immer mal wieder im Roman angeschnitten wird, sind die Hunde. Wenn man zu Fuß und insbesondere zu unüblicheren Tageszeiten durch unbekannte Wohnstraßen läuft, kann es selbst für den Boza-Verkäufer Probleme geben. Vielleicht inspiriert mich das, demnächst hier auch etwas über das „Hunde-Problem“ zu schreiben. 

Ein gutes Buch! Die zeit meint: „Dieses Buch ist eine traurige und amüsante, eine bewegende und kritische Liebeserklärung an diese fantastische Stadt Istanbul. Wer die Türkei verstehen will, sollte es lesen“. 

------------------------ 

Istanbul, das war die erste Stadt, die ich einstmals in der Ferne – im Jahr 1978 - besucht habe. Vorher war ich nie alleine weg. Damals hatte ich ein Interrail-Ticket gekauft, war abenteuerlustig und fuhr per Zug direkt in einem Rutsch durch bis ins griechische Thessaloniki. Man war wohl schon verrückt!? Gut erholt kam ich jedenfalls nicht an, kann man nicht behaupten. 

Mit dem Zug ging es Tage später weiter zum griechischen Grenzort Pithio und viele Stunden später dann mit einem türkischen Zug weiter nach Istanbul. Man kann annehmen, dass ich nur im touristischen Zentrum mit seinen berühmten Moscheen und dem Topkapi-Palast gewesen bin, aber es war toll. Irgendwann möchte ich noch einmal dorthin, aber seit ein paar Jahren denke ich, dass es fortwährend der falsche Zeitpunkt ist. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen